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Über die Gren­ze zwi­schen Wild­nis und Zivi­li­sa­ti­on – Traum­zeit — Hans Peter Duerr (Bil­der S. 192,193)

NACHT

Heim­fahr­ten. Meist am sehr spä­ten Abend, teils nachts, lan­ge Zeit im VWgolf mei­ner Tan­te, den sie mir über­las­sen hat­te, alt und indisch­gelb lackiert, sehr ver­läß­lich, die Fahr­ten aber, ich fuhr lang­sam, den Kopf vol­ler Ideen und Phan­ta­sien — ich fuhr die Rou­te über die Dör­fer, Frecken­horst, Osten­fel­de, Däm­me­rung, wil­de Him­mel, Kulis­sen­land­schaft, schwim­men­de rote Höfe, Dun­kel­heit. Hier lern­te ich »Nacht«. Die Stra­ße im Schein­wer­fer­licht ein unten durch­flie­gen­der Flecken, qua­si­sta­tisch wäh­rend sich umrum alles änder­te, schonn irgend­wie wie gewohnt, wie gebraucht, wie gewollt. Dann kam ich am Hau­se mei­ner Eltern an.

– das WhiteOut & das OutB­lack –

Ich stel­le hier eini­ge mei­ner Tex­te, unter­schied­lich zum Stich­wort, »nacht« ein, aus (weiß nicht) unge­fähr der Zeit von 1975 bis 1979. Damals hielt ich nichts von wann-was-woher sau­be­ren Werk­da­ten, Pro­to­kol­len etc. Tja (und heu­te, naja tzz.) Ich bewah­re sie ja auch nicht von wegen lite­ra­ri­scher Qua­li­tät.

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nächt­li­che Heim­fahr­ten

Pas­sa­ge von Rhe­da nach Mün­ster: Die Land­schaft prägt sich aus zwi­schen Clar­holz und Beelen, am inten­siv­sten auf der Stra­ße nach Frecken­horst, Evers­win­kel — schon etwas wei­ter. Ich sehe die­sen Son­nen­un­ter­gang, che­mi­sche Far­ben, ihr Schmelz der künst­li­cher Orchi­deen. Blen­den­des Oran­ge ver­deckt ihr Zen­trum, ver­än­dert den Lack mei­nes Wagens zu Schmut­zig-Braun, und, obwohl das Grün in der Land­schaft so inten­siv ist, wie die gel­be Lack­far­be, hat es sich beschie­den — paynes­grau. So ent­zieht sich die Land­schaft der Umar­mung die­ses Him­mels, bleibt stumpf, alle Anstren­gung der lang­wel­li­gen Hel­lig­keit ver­geb­lich.

Zeugt dort ein Gott sei­ne Gelieb­te, aus wel­cher Indu­strie bezieht das Leuch­ten sei­ne Macht? Es wird Hoch­en­er­ge­ti­sches: erzeugt, nicht gebän­digt.

Die Gegend ist jetzt ganz fremd, die Weg­bie­gung ken­ne ich nicht mehr. Ich sto­ße den Wagen in neu­es Land über die Stra­ße zwi­schen wider­wil­li­gen Gehöl­zen, miß­ach­te­ten Weg­kreu­zen. Es ist nicht ganz sicher, ob ich Erfolg haben wer­de: die­se Höchst­ge­schwin­dig­keit auf dem Tacho, die­se Span­nung, wenn der Wagen aus der näch­sten in jede wei­te­re Kur­ve preßt, die­se Wei­ge­rung durch die Schein­wer­fer den Him­mel mit milch­wei­ßem Licht zu ver­hän­gen, die­ser Trotz gegen die uner­bitt­li­chen Wind­bö­en, die den Wagen nicht auf der Stra­ße dul­den wol­len (»und! wenn das Unwet­ter los­bricht, dann trotz­dem WEITER«) all das, wird es sich loh­nen? Wer­de ich die­sem Unter­gang genug fol­gen kön­nen und zei­gen, es gibt kei­ne Apo­ka­lyp­se!

Und — ist zu erwei­sen: die­se Land­schaft ist mehr als der Spie­gel mei­ner See­le?

Eine Hecke bricht ab, wäh­rend ich vor­bei­trei­be. In der Wei­te dahin­ter sind Bau­ern­hö­fe wie rote Inseln tan­zen von ima­gi­nä­ren Hügeln in Wel­len­tä­ler hin­ab, die auch nicht da sind; sind ver­bor­gen hin­ter einem Hof­staat aus Bäu­men wie Prin­zes­sin und Sau­hirt beim Kuß, beim schran­ken­spren­gen­den, obszö­nen, gehei­men, mär­chen­haf­ten Kuß: in die Däm­me­rung hin­ein wor­aus leuch­tet kühl dia­mant, seit auch Wohn­zim­mer von Neon­lam­pen erhellt wer­den und ange­rei­chert mit Farb­t­e­le­vi­si­on viel­farb­facet­tig schil­lern, ein Fen­ster.

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Nacht­fahrt

Es gab zwei lan­ge Fahr­ten von Mün­ster nach Lands­hut, neun Stun­den durch die Nacht, da ich mich bemüh­te, lang­sam zu fah­ren. Das Auto hat­te ich leer geräumt: kei­ne Sit­ze, außer mei­nem, ein­fach, so weit es ging, Blech und lee­rer Raum und Cock­pit. Ich besuch­te eine Freun­din, die eini­ge Jah­re um die Erde rei­ste, wan­der­te (Hima­la­ya, Neva­da, …) . Mir schien ange­mes­sen, die Erfah­run­gen der »Heim­fahr­ten« zu wirk­li­chen Nacht­fahr­ten aus­zu­wei­ten, ein­dring­lichst. Es war schon allein erstaun­lich, wie mäch­tig die Dun­kel­heit in den Wagen ein­drang, und ich im Gefühl fah­ren konn­te, sin­gu­lär dahin­zu­schwe­ben. Lan­ge Strecken war ich qua­si allein auf der Stra­ße. Heu­te wär die Situa­ti­on sicher völ­lig anders.

Unsicht­bar spult Per­spek­ti­ve ab. Die Stra­ße ist end­los. Rings­um fehlt die Land­schaft Ich fah­re nachts, um mich schlin­gert der Schacht. Ein Schwarm weiß­glü­hen­der Trop­fen fällt von hin­ten auf mich zu. Sie wer­den hei­ßer. Ich sehe sie im Spie­gel kom­men, sir­rend tref­fen sie auf den Wen­de­punkt, ent­fer­nen sich nach unten, erkal­ten, rote Glut, käl­ter, käl­ter, grau­es Blei. Man gießt hier Kugeln. Ich trop­fe und glü­he, tref­fe nicht, kein Kugel­fang.

Der Schacht, der hier auf­taucht, fin­det sich, mit kos­mo­lo­gi­schem Touch, noch in der »Seismographen«-Arbeit auf der MS-Stub­nitz.

 

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Trau­er­es­senz

Die Nacht, als umfas­sen­der Schwarz­raum und sehr spe­zi­el­le essenz­sub­stanz im »Viva­ri­um – Mär­chen­ge­ne­ra­tor – Klei­ne See­jung­frau«, 1993

Hier zwei klei­ne Ent­nah­men aus dem Buch —

cadav­re exquis gelé
Trau­er —— star­kes Gefühl äußer­ster Liqui­di­tät bei gleich­zei­tig völ­li­ger Unbe­wegt­heit, regungs­los über­flüs­sig, dabei von tie­fer Lee­re, aber dicht und undurch­dring­lich
— Trans­pa­renz und Schwär­ze, die Licht­lo­sig­keit ist total, sie resul­tiert nicht aus Dun­kel­heit, die könn­te erhellt wer­den, Trau­er ist Fin­ster­nis, das Nega­tiv als Sub­stanz, die­se Nacht ist unbe­sieg­bar — unge­trübt, sie ist opak aus Trans­pa­renz, als
Absorp­ti­ons­me­di­um, sie expan­diert aus Wider­stands­lo­sig­keit — pas­si­ve Attrak­ti­on, sie hat etwas Strah­len­des, jedoch als Schein­co­ro­na aus den Schlie­ren schnell abstür­zen­der Din­ge, es ist näm­lich die Welt, die in selt­sam kom­ple­men­tä­rer Ent­spre­chung zu ihr hin wabert und in ihr in Lösung geht — so ist der Trau­er­kör­per ten­den­zi­ell all­um­fas­send, ten­den­zi­ell (aber nie völ­lig) ent­fällt jedes Außen in die Weich­heit der Trau­er — im Raum der Trau­er schwin­det, auf­ge­ge­ben, jede Mög­lich­keit, Trau­er ist die rei­ne Indif­fe­renz der Poten­tia­le, so hat sie kei­ne Zukunft, Ver­gäng­lich­keit ist in ihr auf­ge­hal­ten,
Zeit ist ihr gleich — Trau­er ver­ewigt.

Kon­ser­vie­rungs­mit­tel
Ver­lust und Ein­schluß, Trau­er hat immer min­de­stens ein Außen, näm­lich innen. — Auch wenn das gesam­te All zu Trau­er gelier­te, ver­ge­gen­wär­tig­te es doch auf ewig die­sen einen Gegen­stand, der sich in ihre Mit­te gebannt im sel­ben Moment erhiel­te und ent­zö­ge. Gegen­stand von Trau­er kann alles und jedes wer­den, das All wie jedes sei­ner Tei­le, mei­stens als Ein­zel­nes, aber man kann sich auch eine Trau­er vor­stel­len, die sam­melt. Was auch immer sie erwirbt, wird holo­gram­ma­tisch ein­ge­bet­tet. Das über­kla­re Medi­um, sei­ne Detail­treue, sei­ne Schwär­ze läßt sei­nen Gegen­stand in äußer­ster Schär­fe und Deut­lich­keit her­vor­tre­ten und zwar unter jedem Aspekt. Die Bezie­hun­gen des Gegen­stan­des zur Welt sind näm­lich auf sol­che Wei­se gelöst, daß sie nun ihm allein ange­hö­ren, als sei­ne Eigen­schaf­ten, als sei­ne Sub­stanz. Der von Trau­er ein­ge­schlos­se­ne Gegen­stand leuch­tet, weil sei­ne Atmo­sphä­re sich auf ihm nie­der­ge­schla­gen hat. Sogar sein Leuch­ten fällt auf ihn zurück. Trau­er ist das resul­tie­ren­de Vaku­um. Ihr Gegen­stand ist die Höh­lung im Mas­siv des Abstands. Er schwebt iso­liert, zeit­los, in Trau­er auf­ge­ho­ben und nur durch Trau­er anzu­schau­en.

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atten­ta­re heißt ver­su­chen

Atten­ta­tex­te

Trick­ster­land. Was ist die abso­lu­te Unbe­stimmt­heit*. Cha­os – und das erlaubt nicht, daß es irgend Welt geben kann. Unter der Bedin­gung, daß es aber Welt durch­aus gibt und eben nicht etwa nur unent­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, hat es den Unter­schied zwi­schen hier & ander. Der Atten­tä­ter ist viel­fäl­ti­gen Gra­des mit dem Ander ver­traut und ver­quickt. Ent­spre­chend ist er der, der auf der Hecke sitzt, der das Weiß oder das Schwarz befah­ret und aus­forscht, der, das Gute, wie das Böse skep­tisch angräbt, Berg­wer­ke, För­der­bän­der, Roh­stof­fe, wie sie sich unter sei­nen Fin­gern auf­lö­sen.

Mit dem Atten­ta­tex­ten habe ich ein Schlüs­sel­mo­ment für etli­che mei­ner Arbeits­gän­ge spielt es eine Rol­le, eine Atmo­sphä­re ein, Nebel­ma­schi­ne, die durch­sich­ti­ger macht. Se’her-Buch und Stem­pel­set, Nacht­fahr­ten und Golem usw. Immer wie­der hab ich Lust, an die­sen Nacht-Tex­ten wei­ter­zu­schrei­ben, expli­zit das Meta­phern­spiel wie­der auf­zu­grei­fen. Aber tu ich doch, nur ist die Ver­dün­nung fei­ner, in dem, all was ich unter­neh­me.

Wider­stän­dig­keit, sogar gegen die Geset­ze der Natur. 

(* Übri­gens ist Cha­os nicht nichts. Cha­os klafft und fluk­tu­iert, flu­xus­per­fekt. Cha­os sozu­sa­gen das Inf­ramin­ce des Ran­des, eines der Enden, sprich, einer der Anfän­ge der Welt. »das Nichts« bzw. nichts – ist ein­deu­tig ohne jede Mög­lich­keit.

Atten­ta­tex­te

Die Hand ver­sinkt lang­sam im fet­ti­gen Staub der Koh­le, die sich teilt mit dem Rascheln jahr­mil­lio­nen­al­ter Blät­ter. Die zwei­te Hand hilft die schwarz­ge­welk­ten Far­ne zu durch­drin­gen. Lei­se knir­schen die Fasern. Die Hän­de sind ruhe­los in der Hal­de des Koh­len­ge­schäf­tes, ihr eili­ges Auf und Ab trägt un­zählige klei­ne Koh­le­hau­fen fort in dunk­le Säcke auf der Ram­pe beim Aus­gang. Ein Gra­ben teilt die Hal­de, ver­tieft sich, bis auf dem Grund der weiß­li­che Beton auf­taucht. Wie Spie­ge­lun­gen einer Mond­nacht hat dort die Koh­le schwar­ze Wol­ken gezeich­net, hin­ge­schum­mer­te Bäu­sche am Beton­him­mel. Immer mehr Hau­fen Koh­le wan­dern fort, immer län­ger wird der Strei­fen blei­chen Him­mels. In der Hal­de set­zen zwei Hän­de ein Zei­chen, der Gra­ben, zur wahn­sin­ni­gen Beun­ru­hi­gung des Koh­len­händ­lers am Mor­gen, win­det sich zu einem N, dann lang­sam im Ryth­mus der schaufeln­den Hän­de zu A, dann C, H und T — NACHT.

Einen Moment hal­ten die Hän­de inne, der Atten­tä­ter läßt sie erschöpft hän­gen; er­schöpft aber nicht befrie­digt, gleich kommt die Unru­he wie­der. Die Hän­de schau­feln im alten Ryth­mus, doch in umge­kehr­ter Rich­tung. Aus ande­ren Säcken heben die Hän­de neue schwar­ze Hau­fen, ein pulv­ri­ges Gemisch, rau­er, ohne den Glanz von Koh­lefett, ein erlo­sche­nes Schwarz fällt auf den Grund des Nacht-Gra­bens und steigt in ihm, wäh­rend die Säcke zusam­men­sin­ken.

Am Mor­gen wird die pani­sche Schau­fel des Koh­len­händ­lers in stum­mer Asche ihr Schrei­en ein­stel­len und laut­los einen ural­ten nächt­li­chen Him­mel bloß­le­gen. Der wird ihn zwin­gen, zu wachen. Wäh­rend die unru­hi­gen Augen das Zei­chen zu deu­ten ver­suchen, wird der Händ­ler schlaf­los auf den Atten­tä­ter war­ten, der nicht mehr kom­men wird. Des­sen Arbeit ist getan. Den letz­ten Sack Koh­le stellt er auf die Lade­flä­che sei­nes Lieferwa­gens. Er läßt die Hal­de zurück, die sich noch nichts anmer­ken läßt.

Der Atten­tä­ter ist in den Laden­räu­men. Schwer quillt sei­ne Tasche voll Gum­mi auf dem Boden in die Brei­te und war­tet: Der Atten­tä­ter streift an den Wän­den ent­lang. Sorg­fäl­tig präparier­te Insek­ten – die Bril­len sehen durch ihn hin­durch, ihre Halte­rungen fixie­ren die Blicke par­al­lel ins Unend­li­che, die ver­schränkten Glied­ma­ßen medi­tie­ren zwangs­wei­se. Am Tage ist die­sen Anbe­te­rin­nen gebo­ten, mit den Fän­gen nach den Köp­fen der Kun­den zu grei­fen, über den Ohren die Schä­del zu packen, aber sanft: der Tag zähmt ihre Raub­gier nütz­lich. Trans­pa­renz ist die Blind­heit des Tages. Die Beu­te bleibt uner­kannt.

Hal­te­run­gen schnap­pen auf, vor­sich­tig löst der Atten­tä­ter die erste Bril­le aus. Er trägt Bril­le für Bril­le zusam­men zu einem Hau­fen. Der ver­hakt sich, man hält sich an den Fän­gen fest und schaut nacht­schwarz um sich.

Jetzt wölbt sich, bläht die Tasche. In Spasmen die Arme des Atten­tä­ters stem­men wild sich ab, knicken ein, stak­sen, pres­sen, erneu­ter Druck und unter ihren Anstren­gun­gen der Taschen­kör­per: erbricht das zäh-schwar­ze Gum­mi. Sei­ne Qual ret­tet das Dun­kel der Nacht­blicke. Der Atten­tä­ter ent­zieht dem Hau­fen eine Bril­le und ver­klebt mit dem Schmier ihre Glä­ser. Undurch­dring­lich wird der Blick. Und die Bügel geöff­net, schnell wie alle wei­te­ren stellt der Atten­tä­ter sie auf den Boden. Die Bril­len glie­dern sich zu einer Trup­pe, Ent­schlos­sen­heit, Angriffs­lust, die Orga­ni­sa­ti­on mar­schiert eine ver­schlun­ge­ne Rou­te.

Am Mor­gen wird der erste Schrei der Ver­käu­fe­rin die­sem Weg gel­ten, der sich in brei­ten Let­tern über den Boden spannt: N‑A-C-H‑T:    NACHT.

Und die har­ten, sprö­den Augen mit den trocke­nen Ris­sen alter Käm­pfe wer­den sie anse­hen und ihr erstes Opfer mit Ohn­macht schla­gen. Der Atten­tä­ter aber wird die­sen Kampf nicht mit­kämp­fen. Längst ist er fort.

In lan­ger Ket­te zie­hen die Blin­den zur Däm­me­rung hin­über. Der Atten­tä­ter führt sie über die Gren­ze des Abends. Die Last von Hän­den, die nicht los­las­sen, spannt sich über zahl­lose Schul­tern in sei­nen Nacken und schiebt ihn in die Nacht. Dort tastet er schwarz geblen­det ins Lee­re. Nachts sehen die Blin­den. Sie schwär­men aus. Die Fasern schwar­zer Blicke spin­nen sich in alle Rich­tun­gen zu Fäden, bin­den das End­lo­se. Ziel­lo­se Erkun­dun­gen begin­nen. Die dop­pelt blin­den Blicke knüp­fen die zwei­te Nacht, in der man nicht anstößt. In das wei­che Netz fällt der Atten­tä­ter aus gro­ßer Höhe, mit ihm flat­tert er in den Abgrund. Die Din­ge feh­len, kein Druck auf sei­nen Schul­tern. Die­se Nacht liebt der Atten­tä­ter frei. Am Mor­gen, wenn die Blin­den ihr durch­sich­ti­ges Netz auf­lö­sen und sich im Grau­en in die Ket­te fin­den, wird er dies­mal nichts un­ternommen haben, gegen den Tag.

Daß der Atten­tä­ter ins Was­ser glei­tet, hört man nicht. War­um atmet er unter Was­ser leich­ter als dar­über? Zwi­schen den Wel­len vibriert sein Kör­per. Die Gum­mi­flos­sen an Hän­den und Füs­sen fächeln in vie­le Rich­tun­gen gleich­zei­tig.

Vom Kai rin­nen Sträh­nen von Öl. Alle Fäs­ser sind gekippt, geöff­net. Der At­tentäter hat ihnen ein Gur­geln abge­nö­tigt, das sie leert. Wi­derwillig gie­ßen sie ihren schwar­zen Inhalt auf die Wel­len im Hafen. Die drückt jetzt der Ölschlamm nie­der. Die Nacht ist trä­ge Schwär­ze, laut­los zäh. Unter Was­ser erar­bei­tet der Attentä­ter heim­li­che Wir­bel. Er pul­siert gegen die erzwun­ge­ne Läh­mung. Sei­ne Stö­ße span­nen die Ölhaut. Sie ist ein Him­mel, den er er­reicht. Die­se Schwär­ze ver­mag er zu zer­rei­ßen. Nachts reißt der Him­mel dar­über mit. ‑N- Jetzt lohnt es sich, nach oben zu schau­en. Er ahnt, A, den dop­pel­ten Riß. C. Dort trei­ben die Wel­len. H–T.

Ihr Glanz im Öl wird am Mor­gen die Rücken der Lot­sen vor Trau­er über die Reling beu­gen. Offe­nes Was­ser spie­gelt den Him­mel in hel­len Let­tern : : :   NACHT. Die Hoff­nung, ande­ren Strö­mun­gen zu fol­gen, zer­rinnt. Der Atten­tä­ter ist fort.

Die Bank. Die gel­ben Chry­san­the­men über­flackert das Blau­licht. Der Ret­tungs­wa­gen sta­gniert im Gedrän­ge unru­hi­ger Pas­san­ten.
Was ist mit dem Atten­tä­ter am Tag? Er ging zu Boden, ist
am Ende vor der glat­ten Wand. Mit einer Hand stützt er sich
ab am Schwarz­po­lier­ten der Finanz­fas­sa­de. Dort zer­bricht
die Welt in Dop­pe­lun­gen: die für den Tag und nächt­li­che. Hier
und dort, oben und unten, elend und reich; so ist die täg­li­che
Lage: unglei­che Spie­gel­bil­der. Sieht man genau hin, wer­den sie
im dunk­len Glanz der Fas­sa­de noch ein­mal gespie­gelt.
Tag­zwang
und — Schmerz. Schaut man genau hin, so sin­ken die blau­lau­ten Schlä­ge der sta­gniert andrän­gen­den Ambu­lanz anders in den Gra­nit
ein — lösch­pa­pie­rig ver­lang­samt blü­hen sie neben den Strah­len
der hier eben­falls nur zögernd pul­sie­ren­den Schnitt­blu­men vom Ein­gang. Im schwar­zen Spie­gel lebt sich die Welt anders als davor
oder — dahin­ter. Spie­gel­ver­kehrt, Tie­fen­glanz, inten­si­ver blau-gelb, grün, ein sat­te­res Unge­nü­gen. Ander­seits sieht er den Atten­tä­ter
lie­gen — und reicht nicht hin­über. Er streckt die Hand aus und schei­tert an der Spie­gel­flä­che dort, wo sei­ne Hand in
die Spie­ge­lung
der Hand — des ande­ren über­geht. Er ist die Spie­ge­lung des
ande­ren. Er im Spie­gel ist der Atten­tä­ter. Inmit­ten
der Schwär­ze des Bil­des
sind — sei­ne Blicke die schwär­ze­sten Punk­te.

Pech­schwar­ze Pupil­len in Schwarz hal­ten die Welt dort drau­ßen. Kon­takt. Sie aus­ste­chen die blau-blas­sen Chry­san­the­men. Sie hal­ten
die Pas­san­ten
an — aus zu wei­chen. End­lich kommt die Hil­fe näher, naht.

Nachts wäre
der — Flucht­weg offen. Nacht geht in Schwär­ze über. Nacht hebt Kon­gru­en­zen auf. Nacht läßt sich zu Zei­chen for­men, die sogar den Tag über­dau­ern und ihm am Ende wie­der in die Nacht hel­fen.

Soviel Zeit ist nicht, zu war­ten. Zunächst nur selt­sam wach nicht fähig doch fähig läßt sein eigen­Nacht von innen auf
… … … … letzt — mög­li­chen letz­ten Aus­weg hof­fen. Der liegt nicht am ihm. Aber er hält aus und streckt

noch wird — die Nacht­hand von der Tag­hand nicht genom­men.

Die Nacht­hand öff­net sich hilf­los, die Tag­hand krampft sich für den Schau­der eines
Augen­blickes — ein Ver­lan­gen, ein Griff, wei­ße Chry­san­the­me
im Ein­gang — der Bank wird Fried­hofs­blu­me.
End­lich dahin hin­über.

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Das Meer, das mit der Son­ne kreist

Rim­baud (Zit. nach Batail­le, l’é­ro­tis­me)

Nacht­fah­ren­de

Das Opa­ke unter der Haut der Din­ge. Im Prin­zip ist die Ober­flä­che der Welt undurch­schau­bar. Ver­än­der­lich in unge­heu­rem Maße, ver­wan­delt sich doch ein Stein, den wir zer­schla­gen, um in ihn zu schau­en, statt uns diesn Ein­blick zu erlau­ben, sofort in zwei um die Bruch­flä­chen erwei­ter­te auch wie­der opa­ke Ansich­ten. Durch sei­ne schein­ba­re Durch­sich­tig­keit ent­zieht sich das Was­ser erst recht der Mög­lich­keit es zu durch­schau­en. Auch die kom­ple­xen Appa­ra­te medi­zi­ni­scher Zudring­lich­keit spie­len nur mit den Fähig­kei­ten aller Ober­flä­chen, sach­ge­recht zu schim­mern, blen­den und ver­pas­sen die Ein­sicht.

Die Ober­flä­chen tren­nen, ihre Unter­strö­mung ver­eint. Mich bewegt  das Gefühl, unter der Viel­falt von Erschei­nun­gen, unter der Dis­kon­ti­nui­tät der Din­ge, habe es eine Kon­ti­nui­tät, die ich aus Ver­le­gen­heit Dun­kel oder Nacht nen­ne, sicher­lich und eigent­lich aus­ge­dehn­te­ste Farb­lo­sig­keit, den Augen, den Sin­nen nicht zugäng­lich, eine Ver­bin­dung, ein Meer unter den Wel­len, anfan­gend unter mei­nen eige­nen Häu­ten bis zu denen der Welt.

Mir scheint, die­se See ist befahr­bar.

Weil wir selbst Ober­flä­che sind und Unter­strö­mung haben, ahnen wir’s. Wir sind Ding und Zudring­lich­keits­ap­pa­rat. Wir loten uns aus und indem die Welt, aber was wir her­auf­brin­gen über­steht es nicht, wenn’s die Ober­flä­che durch­bricht.

Haben Scha­ma­nen Wir­kung? Was taten Hexen und Hexer, wenn sie flo­gen. Wel­che Räu­me durch­zo­gen die, die auf der Hecke saßen. Wie über­le­ben wir die Brü­che im Fort­schrei­ten der Zeit, Schritt für Schritt? Was bewirkt, die jetzt gera­de von die­sem Text unter­nom­me­ne Alle­go­re­se?

Wel­len sind die See­fah­rer des Welt­mee­res. Nacht­fah­ren­de lau­fen als Wel­len aus.

Distink­ti­ve Inter­fe­ren­zen.

Eisi­ge See, klir­ren­de Käl­te, Nacht: Gul­lis Schiff ist geken­tert, die Besat­zung ertrun­ken oder erfro­ren. Nur Gul­li schwimmt wei­ter und wei­ter, den Blick gen Him­mel; bei­na­he in Trance, im Zwie­ge­spräch mit einer Möwe. Gegen alle Wahr­schein­lich­keit gelingt ihm die Ret­tung (1984).
>ard-Media­thek 29.5.2023.

The Deep (2012), Bal­ta­sar Kor­má­kur; Guðlau­gur Friðþórs­son

Als ihm vor­ge­schla­gen wird, sich ob sei­ner kör­per­li­chen und gei­sti­gen Ver­fas­sung wis­sen­schaft­lich unter­su­chen zu las­sen – sei­ne Mut­ter: »Wie unter­sucht man denn, bit­te schön, wis­sen­schaft­lich ein Wun­der?«

Zu den Kin­dern, der Wit­we sei­nes Freun­des – auf die Fra­ge, ob er ein Mon­ster sei: »Ich bin kein See­mon­ster und auch kein Troll, ich bin nur ein Mensch — mit sehr viel Glück.«